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„Maries Akte“ erzählt die wahre Geschichte zweier Frauen, die beide
„verrückt“ waren und über deren Schicksal der Zeitgeist völlig
unterschiedlich richtete: Magdalena Kade glaubte 1866, die Mutter
Gottes zu sehen. Ihre Großnichte Marie bildete sich 1928 ein, sie sei
Jesus. Doch während Magdalena noch heute als „böhmische Bernadette“
verehrt wird und die katholische Kirche ihre Erscheinung „anerkannt“
hat, wurde ihre Großnichte Marie fast 100 Jahre später von den Nazis
als „lebensunwertes Leben“ im Rahmen der NS-„Euthanasie“ermordet.
Über Marie, die Tante ihres Vaters, wird in der Familie nicht
geredet. 19 Jahre alt ist die Autorin, als sie zum ersten Mal von der
Existenz ihrer Großtante erfährt. Obwohl sie schon damals eifrig dabei
ist, ihren Stammbaum auszuforschen, wagt sie nicht nachzufragen. „Da
schlummerte etwas im Nebel der Familiengeschichte, woran man besser
nicht rührte.“
20 Jahre später macht sich Kerstin Schneider, mittlerweile Redakteurin
bei Stern, auf die Suche nach ihrer Großtante Marie. Und stößt auf ein
sorgsam gehütetes Familiengeheimnis: Marie litt unter Schizophrenie,
eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns, die einhergeht mit
Wahnvorstellungen und Sinnestäuschungen. Schizophrene hören Stimmen,
sehen mitunter Menschen und Dinge, die nicht existieren. Marie war 28
Jahre alt, als sie 1928 nach Arnsdorf bei Dresden in die Psychiatrie
eingeliefert wurde. Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, galt Marie
als „lebensunwertes Leben“, wurde zwangssterilisiert und für
Malaria-Versuche missbraucht. 1942 starb Marie unter mysteriösen
Umständen in Großschweidnitz im Alter von 41 Jahren. Kerstin Schneider
findet sogar Maries mutmaßlichen Mörder. Es ist Robert Herzer, der als
„Arzt“ im „Sterbehaus“ in Großschweidnitz gearbeitet hat. Dabei war
Herzer ein Hochstapler, der im Medizinstudium gescheitert war, wie die
Autorin anhand alter Universitätsakten beweist.
Doch da ist die kleine Bemerkung in Maries Krankenakte, die die
Ahnenforscherin hellhörig werden lässt. „Erblichkeit mütterlicherseits“
- diese knappe Bemerkung bringt die Autorin auf die Spur einer weiteren
Verwandten. Marie hatte eine berühmte Großtante, Magdalena, die 1866
die Mutter Gottes an ihrem Bett stehen sah. In ihrem Heimatort, dem
streng katholischen Philippsdorf in Böhmen (heute Filipov), entfachte
die Nachricht von „Magdalenas Erscheinung“ eine Massenhysterie.
Tausende pilgerten zu Magdalenas Haus, um die Stelle zu besichtigen, an
der sich die Mutter Gottes die Ehre gegeben hatte. Magdalenas Hausärzte
äußern schon damals den verdacht, dass die „Seherin“ ein Opfer ihrer
Halluzinationen ist. Doch an der Wahrheit hat niemand ein Interesse:
Die Katholische Kirche nicht, der seit „Magdalenas Erscheinung“ die
Schäfchen zulaufen. Und auch die Philippsdorfer – bisher arme
Webersleute – haben kein Interesse an der Wahrheit. Denn „Magdalenas
Erscheinung“ beschert ihnen Reichtum und Wohlstand. Die Wallfahrt spült
das Geld in die Haushaltskasse. Deshalb bauen sie anstelle von
„Magdalenas Erscheinung“ eine Kirche. Und Magdalena wird als „böhmische
Bernadette“ berühmt. Noch heute pilgern die Menschen jedes Jahr im
Januar nach Philippsdorf, um Magdalenas Erscheinung zu feiern. Die
„Seherin“ ruht in einer Privatgruft in der Basilika. Ihre Großnichte
Marie liegt nur ein paar Kilometer davon entfernt. Namenlos verscharrt
in einem Massengrab.
Eine im wahrsten Sinne des Wortes „irre Geschichte“. Das Buch
basiert auf Aktenmaterial, ist trotz seiner Faktenfülle spannend
geschrieben. Geschichtsinteressierten und Ahnenforschern ist das Buch
besonders zu empfehlen. Es zeigt, wie Familienforschung zum Krimi wird.
Selbst als alter Hase lernt man eine Menge über Recherche, gerade, wenn
man meint, alle Quellen versiegen.
Kerstin
Schneider: „Maries Akte - das Geheimnis einer Familie“ erschienen bei
weissbooks, ISBN: 978-3940888-02-0, zum Preis von 19,80 Euro
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Auf den Spuren der Ahnen. Eine Gebrauchsanweisung
Familienforschung wie Manuel
Andrack sie betreibt, ist atemlos und risikoreich. Familien sind ja per
se heikel. Aber da sind auch diese vielen Fragen, die jeder gern
beantwortet hätte: Was für ein Mensch war mein Großvater? Wie lebten
meine Urgroßeltern? Hoppla, mein Großvater war ja schon mal
verheiratet. Wieso weiß ich das nicht? Andrack, das klingt doch
irgendwie französisch? Aber warum führen eigentlich immer alle Spuren
in den Osten? Was ist mit ausgewanderten Andracks in Amerika?
Manuel
Andrack hat Taufregister und Kirchenbücher durchwühlt, hat nach Spuren
vor Ort gesucht und sich mit entfernten Verwandten getroffen. Aber
konnte er überhaupt mit jemandem verwandt sein, der auf zwei Fingern
pfeift? Das hatte er noch nie geschafft. Und sein Vater auch nicht.
Klarheit sollen hier Stammbäume bringen, die bis weit ins 18.
Jahrhundert zurückreichen.
Auch eine Gebrauchsanweisung musste
mühsam aus dem Amerikanischen übersetzt werden, damit beim
Speichelabstrich bloß keine Fehler geschehen, schließlich soll
herausgefunden werden, wie sich das Andrack-Gen über die Welt verteilt.
Wie hilfreich ist eigentlich das Internet bei der Ahnensuche? Und was
ist mit Hypnose und Familienaufstellung? Familienforschung ist mehr als
Stammbäume malen. Mit jedem Schritt in die Vergangenheit wird auch ein
Stück Geschichte erzählt, und im günstigsten Fall erfährt man dabei
etwas über sich selbst.
ISBN: 978-3-462-04038-8
Erscheinungsdatum: 25. August 2008
192 Seiten, Taschenbuch
Verlag Kiepenheuer & Witsch
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